Das Genie von gestern ist der Dumme von heute

"Ich hatte alleine in meinem Zimmer über dem zwanzigseitigen Würfel gesessen, während die anderen Kinder sich draußen herumtrieben und Vertecken spielten. Oder sogar - Gott bewahre - richtigen Baseball!". Also ein Kellerkind. Ein prähistorischer Nerd.

Wow. Ich habe fertig. Das Buch.
Und endlich habe ich bessere Munition, um mein geliebtes Hobby gegen die Scharen von Kulturpessimisten zu verteidigen. Von wegen Computerspiele schulen "nur" die Auge-Hand-Koordination, sonst nix!
Der Autor und Optimist Steven Johnson hat schon so einige Bücher zum Thema Medien geschrieben und sich so eine gewisse Kompetenz erarbeitet. In seinem Buch "Neue Intelligenz - Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden" erklärt er in einer populärwissenschaftlichen Art, warum Computer und TV-Serien nicht so böse sind wie viele behaupten. Der deutsche Titel klingt etwas brav. Denn im englischen heißt das Buch nämlich: "Everything Bad is Good for You". So, so.
Auf seinem Erklärungspfad stützt sich Johnson auf die Erkenntnis, dass in den letzten Jahrzehnten der IQ immer wieder angepasst werden musste, weil die Menschen "intelligenter" geworden sind (seine geliebte "Schläfer-Kurve"). Ja ihr Nintendo- und Playtstaion- und Xbox-Freaks, natürlich und vor allem auch ihr PC-Freaks, ihr seid auch gemeint. Johnsons Argumentation ist, dass Computerspiele und moderne TV-Serien einen Großen Anteil an dieser Steigerung haben. Er diskutiert breit wie man an der Geschichte von Computerspielen und TV sehen kann, dass diese mit den Jahren immer komplexer und mehrschichtiger wurden und somit immer stärker das menschliche Gehirn herausforderten statt unterforderten. Er widerspricht gängigen Meinungen, wie dass das menschliche Gehirn eigentlich Faul sei und immer den Weg mit dem geringsten Widerstand suche. Für viele Kulturpessimisten bedeutet dies, dass wir immer wertlosere, billigere und einfachere Kost vorgesetzt bekommen und somit die Hohe-Kultur dem Untergang geweiht ist. Was sozusagen die Evolution vom Affen zum berieselungs-süchtigen Couch-Potato unvermeidlich macht.
Johnson belegt diese Schläfer-Kurven-Tendenz an solchen Erfolgen von Computerspielen wie The Sims und anderen. Solche Spiele würden eine relativ umfassende und sogar anspruchsvolle Durchdringung des Spieluniversums erfordern. Sogar GTA (Grand Theft Auto) wird als intelligenz-förderlich angeführt. Wobei er von Anfang für seine Argumentation erst mal ethisch-moralische Aspekte ausklammert. Im späteren Teil des Buches aber, nimmt er auch zu diesen Fragen Stellung. Er führt dann kurz an, dass Menschen sehr wohl in der Lage wären zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Obwohl es mich etwas stutzig machte, dass nach seiner Meinung das Spiel Quake auch eine Plattform für die Entwicklung von Gewaltphantasien der Columbine-Killer bot. Womit er unnötigerweise etwas Blut auf solche Spiele tröpfelt. Nicht desto trotz überwiegen für ihn die positiven Effekte von Computerspielen und er rät sogar den Eltern ihre Kinder auch z.B. GTA spielen zu lassen. Obwohl es ihm schon bewusst ist, dass es auch Computerspielen schlechte wie gute Titel gibt. Was eine vernünftige Auslese erfordert, um nicht satt Intelligenz aufzubauen am Moorhuhn-Langzeit-Syndorm zu leiden.
Bei den Computerspielen konnte ich dem Autor folgen, aber schwieriger wurde es für mich bei dem TV-Serien-Kapitel. Er nennt da so viele TV-Serien und ich konnte gerade mal mit ein oder zwei Serien etwas anfangen. Das wird bei Viel-Sehern anders sein. Natürlich ist es auch erheblich, dass der Autor selber Amerikaner ist und dieses Buch nach den amerikanischen Gegebenheiten ausgerichtet ist. In diesem Teil muss ich einfach mal dem Autor vertrauen, dass auch Serien an Komplexität gewonnen haben. Er führt hierzu allerdings an, dass Komplexität, wie z.B. das Beziehungs-Netz in solchen Serien, auch für den Profit nützlich sind. Das Zauberwort heißt hier Syndication. Um das zu erklären brauche ich nur zu Fragen wie oft und wo The Simpsons zu sehen sind. Man begegnet heute tatsächlich der ständigen Wiederholung von Serien. Stevens Argumentation ist: Wären diese Serien einfach und platt, gäbe es in Wiederholungen nichts mehr zu entdecken als bei der Premiere. Die Wiederholungen wären einfach langweilig. doch Komplexität und Querbezüge machen es möglich, dass man auch nach dem 3. mal de selben Episode von The Simpsons etwas neues entdeckt. Und somit spült Syndication über die Ausstrahl-Lizenz-Gebühren Millionen und Milliarden in die Kassen der Unterhaltungsindustrie.
Nach all dem Lobes-Gesang warnt der Autor am Rande aber auch davor, sich ausschließlich der Populärkultur hinzugeben. Das sei nicht gut. Man solle auch "höhere" Kultur zu sich nehmen. Sonst wären die positiven Effekte, die sonst Populärkultur hätte, auch nichts mehr wert.

Alles in allem habe ich aber nach dem Durchlesen das Gefühl, dass er zwar sehr interessante Thesen aufwirft, aber der wirklich wissenschaftliche Beleg (noch) nicht existiert. Das Gebiet, das Steven Johnson hier beackert, ist auch viel zu sehr von Pessimisten und Schlechtmachern besetzt. Eine fundierte optimistische Behandlung wird wohl noch auf sich warten lassen. Auch der Zusammenhang zu solchen Katastrophen wie sie z.B. die Pisa-Studie aufzeigte (unter anderem mangelhafte Schreib- und Sprechfähigkeiten) wird von Johnson nicht behandelt. Und die angebliche Zunahme des Körpergewichts unter Kindern und Jugendlichen? Ups. Schmunzeln musste ich auch bei seiner totalen Vereinfachung: "Das Genie von gestern ist der Dumme von heute". Ähem. Bitte nehmt dieses Statement des Autors nicht so ernst. Ich bin davon überzeugt, dass sogar die Genies der 50er heute von keinem Nerd in Puncto Intelligenz übertroffen werden kann. Hust.
Und außerdem: Die Komplexität von Romanen und Fantasy- SciFi-Geschichten kann auch eine Serie nicht viel mehr übertreffen oder? Man denke dabei nur an "Herr der Ringe". Muss man dafür tatsächlich vor dem Fernseher sitzen? Bei Computerspielen sehe ich das etwas anders. Die kognitiven Leistungen die man da aufbringen muss sind mit kaum einem anderen Medium leistbar. Außer vielleicht in einem gewissen Umfang und etwas variiert durch Pen-And-Paper- und (komplexe) Brettspiele.
Eins gefällt mir an dem Autor Steven Johnson besonders: Computerspiele kennt er nicht vom Hören- und Sagen. Er hat alles schon selbst erlebt und selbst ausprobiert. Endlich mal wieder jemand, der weiß worüber er spricht. •

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Commander Z

Bewegte Bilder mit Künstlicher Intelligenz dahinter haben mich immer schon fasziniert. Ich spiele seit Jahrzehnten schon Computerspiele und beobachte den Spielemarkt mit Spannung. Ab und an gebe ich meinen Senf dazu, in dem ich auf diesem Blog meine gedanklichen "Notizen" verewige. Meine Lieblings-Genre sind zur Zeit MMO, MMORPG, Hack&Slay, Rennspiele, RTS, TBS, Grand-Strategy und Shooter. Ich besitze zwar auch Spiele-Konsolen wie die Nintendo Wii, Sony Playstation 3, Playstation 4 und einen Nintendo DS, aber spiele auf diesen kaum bis selten.

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